Ungarn
Herkunftsland
📖 Beschreibung
Momentaufnahme: Das Königreich Ungarn
Über den endlosen Puszta-Ebenen hängt nicht Kälte, sondern eine bleierne, hoffnungslose Müdigkeit. Dies ist das Bild eines Königreichs, das von zwei Seiten ausgezehrt wird: von der unerbittlichen Gier der osmanischen Hohen Pforte im Süden und von der eisernen Faust der habsburgischen Krone im Westen. Offiziell ist Ungarn ein Teil des Habsburgerreiches, seine Krone getragen von Kaiser Ferdinand II in Prag. In der Realität ist es ein ausgeblutetes Dreieck, zerrissen zwischen drei Gewalten und von einer vierten, der Armut, heimgesucht.
Das Land ist in drei Teile gespalten:
1. Königliches Ungarn im Westen und Norden, kontrolliert von den Habsburgern mit ihrer Hauptstadt Pressburg (Bratislava). Es ist die letzte Bastion, aber auch die Melkkuh des Kaiserreiches, das letzte Aufgebot an Steuern und Soldaten für die ständigen Kriege andernorts herauspresst.
2. Das Osmanische Vilâyet im Zentrum, das direkt vom Sultan regierte Gebiet mit der Großen Puszta. Hier ist die Präsenz des Islam am sichtbarsten, auch wenn viele Ungarn unter der türkischen Herrschaft ihren protestantischen Glauben behalten dürfen – eine pragmatische Duldung, die der Hof verachtet.
3. Das Fürstentum Siebenbürgen im Osten, ein halbautonomer, mehrheitlich protestantischer Vasallenstaat der Osmanen. Er ist ein gefährlicher Spieler, der zwischen den Großmächten laviert und manchmal für Ungarn als Hoffnungsträger, manchmal als Verräter gesehen wird.
Die eigentliche Herrscherin in Königlich-Ungarn aber ist die Not. Jahre der Kriege, der durchziehenden Heere und der doppelten Ausbeutung haben das Land verarmen lassen. Die Städte sind klein und verfallen, die Dörfer oft nur aus ärmlichen Lehmhütten bestehend. Der einst stolze ungarische Adel ist tief gespalten: Einige, meist katholisch, unterstützen die Habsburger. Viele andere, calvinistisch oder lutherisch, hassen die kaiserliche Zentralgewalt fast so sehr wie die Türken, denn sie bringt ihnen nicht Schutz, sondern nur neue Steuern und religiöse Unterdrückung. Ihre Stimmung ist rebellisch, ihre Mittel jedoch knapp.
Und nun erreichen auch hier die Nachrichten aus Prag und Wien diese ausgebrannte Welt. Ferdinand ist ein erzkatholischer Hardliner. Der Aufstand in Böhmen ist für viele ungarische Protestanten kein fernes Ereignis, sondern ein Fanal der Hoffnung. Flüsternd fragt man sich: Wenn die Böhmen es wagen, gegen Wien aufzustehen – warum dann nicht wir? Könnte ein Bündnis mit den Böhmen und vielleicht sogar mit dem protestantischen Siebenbürgen endlich die Ketten der Habsburger sprengen? Gleichzeitig ist die Angst vor der osmanischen Reaktion allgegenwärtig. Jede Schwäche Prags könnte den Sultan einladen, weiter vorzurücken.