Alte Götter
Religion
📖 Beschreibung
Was sie glauben
Lange bevor Christus über den Rhein kam, lebten die Götter in den Wäldern, in den Flüssen, in den Steinen, in den Kreuzungen der Wege. Sie hatten keine Kathedralen, keine Hierarchien, keine Dogmen, die man aufschreiben und vervielfältigen konnte. Sie hatten Orte — bestimmte Bäume, bestimmte Quellen, bestimmte Nächte im Jahr, an denen die Welt dünner war als anderswo und die Götter nah genug waren, um zu hören. Die Menschen, die dort lebten, kannten diese Orte. Sie respektierten sie. Und sie bekamen manchmal etwas zurück.
Die slawischen Völker östlich der Elbe — die Sorben, die Wenden, die Lausitzer, weite Teile Böhmens und Mährens — haben diese Götter nicht vergessen. Nicht alle von ihnen, nicht ganz. An der Oberfläche ist alles christlich: Kirchen, Taufen, Beerdigungen nach christlichem Ritus, Feiertage mit christlichen Namen. Darunter atmet etwas Älteres.
Perun ist der Donnerer — Gott des Himmels, des Gewitters, des Krieges und der Ordnung. Er kämpft ewig gegen Veles, und sein Sieg bringt Regen und Fruchtbarkeit, seine Niederlage Dürre und Chaos. Sein Tier ist der Stier, sein Baum die Eiche, sein Symbol der Blitz. Wer einen Eid auf Perun schwört, den Eid aber bricht, verdient den Blitz. Mokosh ist die Weberin — Göttin der Erde, des Schicksals, der Fruchtbarkeit und des Handwerks. Sie spinnt und schneidet die Lebensfäden. Sie ist die Göttin, die den Frauen am nächsten ist, die ihre Wolle ehren und ihr Handwerk mit Achtsamkeit tun. Ihre Symbole finden sich in Webmustern, die seit Generationen weitergegeben werden.
Veles ist der Herr der Unterwelt — Gott der Toten, der Magie, der Herden und des Reichtums. Er ist Peruns Gegenspieler, aber kein Teufel: Er ist das Gleichgewicht, die andere Seite, das, was unter der Erde wächst und verrottet und neu wird. Mantiker kennen seinen Namen gut. Marzanna ist die Göttin des Winters und des Todes — gefürchtet, respektiert, jedes Jahr am Ende des Winters rituell ertränkt oder verbrannt und begraben, damit der Frühling kommen kann. Jarilo ist der Frühlingsgott, der stirbt und wiedergeboren wird, Symbol des Kreislaufs, der niemals aufhört.
Diese Götter verlangen keine Kathedralen. Sie verlangen Aufmerksamkeit und Respekt. Ein Opfer an der richtigen Quelle zur richtigen Zeit. Ein Lied zum richtigen Anlass. Das Wissen, welche Dinge man nicht tut — keine Bäume fällen, die ein Zeichen tragen. Keine Fische fangen in der heiligen Nacht. Keine Toten sprechen, ohne zu fragen. Dieses Wissen wird weitergegeben — hinter geschlossenen Türen, mit leiser Stimme, weil die Kirche draußen wartet und weil doppelte Verdächtigung das Leben sehr schwer machen kann.
Wie sie auf Magie reagieren
Der Alte Glaube kennt keinen Unterschied zwischen Magie und dem Rest der Welt. Die Welt ist voller Kräfte — sichtbarer und unsichtbarer, freundlicher und feindlicher, solcher die man bitten kann und solcher, denen man aus dem Weg gehen sollte. Wer diese Kräfte kennt, respektiert und mit Vorsicht anwendet, tut Handwerk. Wer sie ignoriert, ist naiv. Wer sie missbraucht, trägt die Konsequenzen.
Es ist deshalb kein Zufall, dass unter den Trägern des alten Glaubens die magische Begabung besonders häufig und stark auftritt. Ob das an den Göttern liegt, an einer älteren Verbindung zum Zirkel, an der Tatsache, dass diese Menschen die Natur anders wahrnehmen als andere — das wird diskutiert. Was nicht diskutiert wird: die Zahlen sind real, und die Kirche hat sie bemerkt. Wer den Alten Glauben offen praktiziert, ist gleich doppelt verdächtig. Wer dabei auch noch magisch begabt ist, hat die Aufmerksamkeit der Inquisition praktisch garantiert. Die alten Völker haben gelernt, was das bedeutet. Sehr gründlich.